Spätblühende Obstsorten
Warum Spätblüher immer wichtiger werden
Der Klimawandel verändert nicht nur Temperaturen und Niederschlagsmuster, sondern auch die Phänologie, den jahreszeitlichen Rhythmus von Pflanzen. In vielen Regionen beginnt die Vegetationsperiode früher, was dazu führt, dass Obstbäume früher blühen. Zugleich nehmen Spätfröste im Frühjahr nicht ab, im Gegenteil: milde Winter mit plötzlichen Kälteeinbrüchen im März oder April treten häufiger auf. Für viele klassische Obstsorten kann das fatal sein: Frühe Blüten erfrieren, die Ernte fällt aus.

Was sind spätblühende Sorten?
Spätblühende Obstsorten treiben ihre Blüten erst spät im Frühjahr aus, oft drei bis vier Wochen nach den Standardsorten. Dadurch vermeiden sie die gefährlichsten Frostnächte. Diese Eigenschaft ist genetisch bedingt und bleibt bei einer Sorte meist über Jahre stabil, auch wenn sich das Wetter jährlich ändert.
Beispiele für spätblühende Obstsorten
Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Hinweisen auf spätblühende Sorten, die jedoch „zum Teil „mit Vorsicht zu genießen“ sind, weil
- nicht immer sichergestellt ist, ob die spätblühende Sorte tatsächlich sortenecht ist. Selbst in den Sammlungen der Deutschen Genbank Obst haben sich bei den pomologischen und molekulargenetischen Überprüfungen zahlreiche Sorten als nicht „echt“ herausgestellt,
- aus der Tatsache, dass ein einziger Baum an einem bestimmten Standort den Frost gut überstanden hat, nicht generelle Empfehlungen gegeben werden können,
- in der Regel nicht benannt wird, ob sich die empfohlenen Sorten auf Hochstämmen oder anderen Unterlagen bewährt haben,
- vermutlich auch die Unterlage einer Sorte Auswirkungen auf den Blühzeitpunkt hat,
- dieselbe Obstart, Gattung oder Sorte an unterschiedlichen Standorten unterschiedlich empfindlich gegen Blütenfrost ist. D. h., dass bei bestimmten Umständen eine Sorte A in dem einen Jahr einige Tage vor der Sorte B blüht und in einem anderen Jahr umgekehrt. Dies ist u. a. abhängig davon, ob der Temperaturanstieg über die Wochen im Spätwinter kontinuierlich erfolgt oder wechselhaft mit Extremen und Rückfällen in Frostperioden. Oder auch abhängig ist von der Amplitude der Temperaturschwankungen und auch den erreichten jeweiligen Schwellwerten.
Dabei gilt es nicht nur die Temperaturen zu berücksichtigen, sondern auch andere Faktoren wie Luftfeuchte, Niederschlag und Windgeschwindigkeit. Insgesamt handelt es sich also um ein sehr komplexes System, das für die Anfälligkeit gegenüber Frühjahrsfrösten verantwortlich ist. Für die Praxis ergibt sich aus dem Vorstehenden die Empfehlung, die folgenden Hinweise auf spätblühende Sorten „mit Vorsicht zu genießen“. Zielführender ist es vermutlich, über etliche Jahre zu beobachten, welche Sorten in wettermäßig kritischen Jahren positiv hinsichtlich ihres Ertrags auffallen.
Spätblühende Apfelsorten
Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Apfelsorten (2025, 25-28):


Auer Straßenapfel, Beimerstetter Luiken, Bittenfelder, Bovarde, Christiansapfel, Damasonrenette, Engelsberger, Falsche rheinische Schafsnase, Gelbe sächsische Renette, Gelber Münsterländer Borsdorfer, Ginger Luiken, Grünapfel, Heslacher Gereutapfel, Königlicher Kurzstiel, Krügers Dickstiel, Luxemburger Triumph, Mutterapfel, Niederhelfenschwiler Beeriapfel, Oberrieder Glanzrenette, Rote Sternrenette, Roter Bellefleur, Schöner aus Elmpt, Schöner aus Wiedenbrück, Siebenschläfer, Spätblühender Taffetapfel, Spätblüher aus Ishta, Spätblüher von Bockedra, Süßer Pfaffenapfel, Thurgauer Borsdorfer, Thurgauer Weinapfel, Tulpenapfel (Rheinland), Westfälischer Gülderling.
Weitere spätblühende Apfelsorten sind: Belle fille d‘Indre und Hans-Ulrich Apfel.

Die Englische National Fruit Collection sowie die französische Datenbank Pomiferous bieten die Möglichkeit, gezielt nach weiteren spätblühenden Sorten zu suchen. Nur wenige der dort erwähnten spätblühenden Sorten sind jedoch in deutschen Baumschulen erhältlich.
Spätblühende Birnensorten
Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Birnensorten: Capiaumont, Doctor Lentier, Dolacomi (mittelspät bis spät), Egnacher Mostbirne (mittelspät bis spät), Fertilia Delbard (mittelspät bis spät), General Leclerc, General Totleben, Grüne Jagdbirne, Jeanne d´Arc (mittelspät bis spät), Karlebirne, Mortillets Butterbirne, Normännische Ciderbirne (mittelspät bis spät), Späte Weinbirne, Subira (mittelspät bis spät), Triumph aus Vienne, van Mons Butterbirne, Vereinsdechantsbirne (mittelspät bis spät), Weitfelder Birne, Welsche Bratbirne (mittelspät bis spät), Wolfsbirne.
Spätblühende Kirschsorten
Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Kirschsorten: Büttners rote Knorpelkirsche, Dönissens gelbe Knorpelkirsche, Doppelte Glaskirsche, Fromms Herzkirsche, Königliche Amarelle, Porzellankirsche, Winklers weiße Herzkirsche.
Spätblühende Pflaumensorten
Nach Auswertung verschiedener Publikationen und Vorträge, ergänzt durch eigene Beobachtungen, nennt Michael Schlitt folgende spätblühende Pflaumensorten: Anna Späth, Schöne aus Löwen und Haferpflaume.
Spätblühende Walnusssorten
Christian König nennt folgende spätblühende Wallnussorten: Nr. 26 (Austrieb spät bis sehr spät, Blütezeit: spät), Mayette (Austrieb spät, Blütezeit: spät), Mars (Austrieb mittel bis spät, Blütezeit: spät), Lara (Austrieb spät, Blütezeit: mittel).
Forschungsbedarf
Trotz ihres agronomischen Potenzials besteht in verschiedenen Bereichen Forschungsbedarf, um ihre Eignung für den Erwerbs- und Hausgartenbau sowie ihre Anpassung an zukünftige klimatische Bedingungen systematisch zu untersuchen. Züchtung und Genetik
- Identifikation genetischer Faktoren, die eine späte Blütezeit bedingen.
- Aufbau von Kreuzungsprogrammen zur Entwicklung neuer spätblühender Sorten mit hoher Fruchtqualität.
- Etablierung molekularbiologischer Marker zur frühzeitigen Selektion geeigneter Genotypen.
Anpassung an den Klimawandel
- Weiterentwicklung phänologischer Modelle zur Blühzeitprognose unter veränderten Klimabedingungen.
- Langzeitstudien zur Veränderung von Blühzeitpunkten durch Temperaturanstieg.
- Regionale Eignungsprüfungen spätblühender Sorten unter variierenden Klimaszenarien.
Blühverhalten und Umweltfaktoren
- Analyse des Einflusses von Wind, Temperatur, Bodenbeschaffenheit und Wasserverfügbarkeit auf das Blühverhalten.
- Untersuchung der Synchronität zwischen Blühzeitpunkt und Aktivitätsphasen von Bestäubern.
Bestäubung und Ertragssicherheit
- Studien zur Bestäubungsökologie spätblühender Sorten.
- Bewertung der Auswirkungen später Blüte auf Fruchtansatz und Ertragssicherheit.
Praxisrelevanz und Anbaueignung
- Wirtschaftlichkeitsanalysen spätblühender Sorten im Erwerbsobstbau.
- Systematische Sortenprüfungen hinsichtlich Ertrag, Geschmack und Lagerfähigkeit.
- Anpassung von Pflege- und Schnittmaßnahmen an das phänologische Verhalten spätblühender Sorten.
Weitere relevante Forschungsfragen
- Untersuchung der Wechselwirkungen mit verschiedenen Unterlagen hinsichtlich Blühverhalten.
- Analyse der Eignung spätblühender Sorten im ökologischen Landbau.
Einzelnachweise
- FiBL Schweiz. (2021). Sorten für den biologischen Obstbau auf Hochstämmen. Forschungsinstitut für biologischen Landbau.
- König, Christian, Spätblühende Walnusssorten (2025), in: Schlitt, Michael (Herausgeber) (2025): Obstbäume, Frost und Klimawandel. Erfahrungen aus der Praxis – Strategien für die Zukunft. Görlitz, S. 31-33.
- Lu, Y., He, X., Wei, X., et al. (2022). Insights Into the Molecular Mechanisms of Late Flowering in Prunus sibirica. Frontiers in Plant Science, 13: 836080.
- Nichols, S. (2023). A key to protecting apples from climate change might be hiding in Michigan's forests. Associated Press.
- Scherrer, M., Gessler, C., & Patocchi, A. (2024). Selection and development of late-flowering apple varieties to avoid frost damage in organic fruit growing. 20th International Conference on Organic Fruit-Growing.
- Schlitt, Michael (Herausgeber) (2025): Obstbäume, Frost und Klimawandel. Erfahrungen aus der Praxis – Strategien für die Zukunft. Görlitz 76 Seiten.