Baumschutzsysteme für beweidete Flächen

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Die Etablierung von Gehölzen in Weidesystemen stellt eine zentrale Herausforderung auf Streuobstwiesen dar. Jungbäume sind besonders anfällig für mechanische Schäden durch Trittbelastung, Scheuern oder Verbiss durch Weidetiere. Schutzsysteme müssen daher einerseits ausreichenden mechanischen Schutz bieten, andererseits die Pflege und Entwicklung des Baumes nicht behindern. Im Folgenden werden zwei etablierte Schutzsysteme vorgestellt, der Dreibock und das Normannische Korsett.

Dreibock © Thomas Lochschmidt

Abb. 1 Dreibock © Thomas Lochschmidt

Dreibock

Die im Folgenden beschriebene Bauform des Dreibocks wurde von Thomas Lochschmidt seit 2008 im Raum Dresden entwickelt und seither unter unterschiedlichen Praxisbedingungen erprobt und weiter optimiert. Der Dreibock stellt einen konsequent praxisorientierten Ansatz dar, da er Schutzfunktion, Materialeffizienz und Bewirtschaftbarkeit kombiniert. Seit seiner Einführung wurde das System auf verschiedenen Standorten eingesetzt und bis zum Jahr 2025 in mehreren tausend Exemplaren installiert (Lochschmidt 2025), was seine Anwendbarkeit und Robustheit verdeutlichen. Seine besondere Eignung liegt in extensiven Weidesystemen, in denen Obstbäume langfristig in die Nutzung integriert werden. Innerhalb dieses Kontexts übernimmt der Dreibock eine klar abgegrenzte Funktion: den temporären Schutz des Jungbaumes während der Etablierungsphase, bis dieser eine ausreichende Eigenstabilität erreicht hat und dauerhaft ohne Schutz in das Weidesystem eingebunden werden kann.

Zielsetzungen

Die Konstruktion verfolgt mehrere funktionale Zielsetzungen: • Schutz des Baumstammes vor mechanischen Schäden durch Weidetiere • Gewährleistung einer langfristigen Standstabilität der Schutzkonstruktion • Erhaltung der Zugänglichkeit der Baumscheibe für Pflegearbeiten • Reduktion der Attraktivität des geschützten Bereichs für Wühlmäuse • Förderung eines hohen Kronenansatzes außerhalb der Reichweite von Weidetieren (Lochschmidt 2025). Die Konstruktion ist bewusst so gestaltet, dass der geschützte Bereich um den Stamm relativ klein bleibt. Dadurch wird verhindert, dass sich innerhalb der Einzäunung dauerhaft ungestörte Vegetation entwickelt, die als Rückzugsraum für Wühlmäuse dienen könnte.

Konstruktive Ausführung

Pfahlkonstruktion

Das Grundgerüst des Systems besteht aus drei Holzpfählen, die in Form eines Dreiecks um den Baum gesetzt werden. Die Pfähle übernehmen sowohl die statische Stabilisierung der Konstruktion als auch die Funktion als Träger der Querhölzer und der Drahtumzäunung. Für eine langfristige Standzeit werden bevorzugt dauerhafte Harthölzer eingesetzt. Besonders geeignet sind:

  • Robinie (Robinia pseudoacacia)
  • Eiche (Quercus spp., mit Ausnahme der Roteiche)
  • Lärche (Larix spp.)
  • Esskastanie (Castanea sativa).

Die Pfähle besitzen üblicherweise eine Länge von etwa 270–280 cm, wobei nach dem Einbau etwa 180–200 cm über dem Boden verbleiben. Diese Höhe gewährleistet einen ausreichenden Schutz vor Weidetieren wie Rindern oder Schafen. Der Durchmesser der Pfähle liegt typischerweise zwischen 10 und 12 cm. Dünnere Pfähle können unter seitlicher Belastung durch Wind oder Tierkontakt instabil werden (Lochschmidt 2025).

Querhölzer

Querhölzer verbinden die drei Pfähle miteinander und stabilisieren die Konstruktion. Gleichzeitig dienen sie als Befestigungselemente für die Drahtumzäunung. Die Querhölzer können aus verschiedenen Materialien bestehen, etwa aus Hartholzbrettern, Latten oder stärker dimensionierten Ästen aus Durchforstungen. Entscheidend ist eine Haltbarkeit, die mit der Lebensdauer der Pfähle vergleichbar ist. Typische Dimensionen sind:

  • Länge: etwa 70–100 cm
  • Durchmesser: etwa 4–5 cm.

Diese Dimensionen gewährleisten ausreichenden Abstand zwischen Baumstamm und Konstruktion, wodurch Schäden an der Rinde durch Kontakt mit den Bauteilen vermieden werden (Lochschmidt 2025).


Drahtumzäunung

Die seitlichen Flächen des Dreibocks werden üblicherweise mit Knotengeflecht (Wildzaun) eingehaust. Dieses verhindert, dass Weidetiere in den Innenraum gelangen und die junge Baumkrone beschädigen. Empfohlen wird ein robustes Drahtgeflecht mit:

  • etwa 2,4 mm Drahtstärke für Kopf- und Fußdrähte
  • etwa 1,9 mm Drahtstärke für horizontale und vertikale Drähte.

Die Montage erfolgt in der Regel in einer Höhe von etwa 145 cm, während der untere Bereich von ungefähr 50–60 cm offenbleibt. Diese Gestaltung ermöglicht den Weidetieren den Zugang zum Gras innerhalb der Konstruktion und reduziert dadurch die Attraktivität des Bereichs als ungenutzte Vegetationsfläche (Lochschmidt 2025).


Abb. 2 Dreibock © Thomas Lochschmidt

Stammschutz und Baumanbindung

Zusätzlich zur äußeren Konstruktion wird der Stamm meist mit einer Schutzröhre aus Drahtgeflecht umgeben. Ein häufig verwendetes Material ist Volierendraht (nicht zu verwechseln mit Wühlmausschutz, der einen größeren Durchmesser aufweist) mit einer Maschenweite von etwa 19 × 19 mm und einer Drahtstärke von etwa 1,45 mm. Diese Schutzröhre erfüllt mehrere Funktionen:

  • Schutz vor Verbiss durch Hasen oder Weidetiere
  • mechanischer Schutz der Rinde
  • Möglichkeit zur Entfernung von Stammaustrieben durch die Maschen.

Der Baum wird innerhalb der Konstruktion zusätzlich an den Pfählen mit Gurten oder Kokosstrick angebunden. Die Anbindung stabilisiert den Stamm, während der Anwuchsphase, verhindert jedoch idealerweise nicht vollständig dessen Beweglichkeit, da mechanische Bewegung als Stimulus für das Dickenwachstum des Stammes gilt (Lochschmidt 2025).

Pflege und Management

Die Pflege der Baumscheibe stellt einen zentralen Bestandteil des Systems dar. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

  • Lockerung des Bodens
  • Mulchen
  • Bewässerung in Trockenperioden
  • Kontrolle von Schädlingsbefall.

Ein besonderes Merkmal der Konstruktion ist die offene Gestaltung des unteren Drahtbereichs. Dadurch bleibt der Zugang zur Baumscheibe für Pflegearbeiten erhalten, ohne dass die Einhausung geöffnet werden muss. Gleichzeitig können Weidetiere das Gras in diesem Bereich abfressen, wodurch Konkurrenzvegetation reduziert wird (Lochschmidt 2025).

Bedeutung für integrierte Weidesysteme

Der Dreibock ist Bestandteil eines integrierten Managementansatzes, der die Nutzung von Weidetieren und Obstbäumen kombiniert. In solchen Systemen können mehrere ökologische Wechselwirkungen auftreten: • Weidetiere reduzieren Konkurrenzvegetation um die Bäume • Offene Baumscheiben bleiben für Prädatoren wie Füchse zugänglich, die Wühlmäuse erlegen können. Ein angepasstes Weidemanagement ist dabei entscheidend. Insbesondere dauerhafte Standweiden mit intensiver Nutzung können zu einer Überbelastung des Systems führen (Lochschmidt 2025).

1.5. Entfernung der Konstruktion Sobald der Baum eine ausreichende mechanische Stabilität erreicht hat, kann die Konstruktion schrittweise entfernt werden. Häufig wird zunächst der Wildzaun entfernt, während ein Stammschutz aus Drahtgeflecht weiterhin bestehen bleibt. Nach vollständiger Etablierung des Baumes kann schließlich auch der Dreibock selbst entfernt werden. Der Baum ist dann dauerhaft in das Weidesystem integriert (Lochschmidt 2025).

3 Normannisches Korsett: eine Alternative zum Dreibock Das Normannische Korsett ist ein im Streuobstanbau der Normandie entwickeltes Schutzsystem zur Etablierung von Obstbäumen in beweideten Flächen. Es erfüllt die Anforderungen an mechanischen Schutz, Dauerhaftigkeit und Funktionssicherheit in besonderem Maße und stellt damit eine Alternative zum Dreibock dar.

2.1. Konstruktionsprinzip und Einsatzbereich Die Konstruktion basiert auf einer vertikal orientierten Schutzstruktur, die den Baum vollständig umschließt und gleichzeitig eine stabile Verankerung über einen zentralen Pfahl gewährleistet. • Grundhöhe: ca. 1,80 m: Schutz vor Gänse, Schafe und Ziegen • Erweiterung möglich: Schutz vor Rinder, Pferde und Großwild (Schutz auch der unteren Astansätze und Leitäste) Damit deckt das System ein breites Spektrum an Weidetierarten und Nutzungsintensitäten ab.


Abbildung 3 Normannisches Korsett, obere Enden leicht nach außen gebogen, Zacken nach unten ausgerichtet © Obstbaumschnittschule Michael Grolm

2.2. Zentrale Tragstruktur (Robinienpfahl) Die statische Hauptkomponente ist ein einzelner, zentral gesetzter Pfahl: • Holzart: Robinie (Robinia pseudoacacia) • Durchmesser: 12–14 cm • Länge: ca. 2,60 m • Einbindetiefe: ca. 60 cm Mit dem Robinienpfahl hat man eine ca. 35 Jahre lange Nutzungsdauer und damit deutlich reduzierte Lebenszykluskosten gegenüber weniger dauerhaften Holzarten (Kiefer, Fichte). (https://www.obstbaumschnittschule.de/produkt/normannische-korsette/).

2.3. Montage und Einbau Der fachgerechte Einbau ist entscheidend für die Stabilität: • Verdichtung: Erdreich beim Einbau schichtweise verdichten • Pflanzabstand: Baum ca. 10 cm vom Pfahl entfernt • Befestigung: o Korsett mit Edelstahlschrauben fixieren o Vorbohren erforderlich, um Materialversagen zu vermeiden o Zacken nach unten ausrichten (siehe Foto) o obere Enden leicht nach außen biegen (siehe Foto).

2.4. Zusatzstabilisierung (bei hoher Belastung) Für Flächen mit Großvieh oder Wilddruck: • Einsatz von zwei zusätzlichen Eisenstangen (z. B. Moniereisen) • Funktion: Aufnahme horizontaler Kräfte (Anlehnen, Scheuern) Dadurch ergibt sich eine deutliche Erhöhung der Kipp- und Torsionsstabilität.

2.5. Ergänzender Stammschutz Unabhängig vom äußeren Schutzsystem ist ein zusätzlicher Stammschutz erforderlich (vgl. 1.2.4. Stammschutz und Baumanbindung).

3. Vergleich der beiden Schutzsysteme Ein erster, vorläufiger und noch nicht wissenschaftlich abgesicherter Vergleich der beiden Schutzsysteme kommt zu folgender Bewertung: Beide Schutzsysteme haben Vor- und Nachteile. Das Normannische Korsett ist kostengünstiger und lässt sich leichter transportieren. Durch das Korsett werden größere Teile des Baumstammes beschattet, wodurch Rindenschäden durch Hitzeeinstrahlung verringert werden. Der Dreibock hat einen größeren Abstand zum Baum. Dadurch können Anfahrtschäden durch Fahrzeuge vermieden bzw. verringert werden. In den ersten Jahren nach der Pflanzung kann beim Dreibock besser gewässert werden, weil der Boden nicht so nah am Baumstamm durch Weidetiere verdichtet ist. Potenzielle Schädlinge an der Baumrinde (z. B. Blausieb) können leichter entdeckt bzw. von Vögeln abgefressen werden, weil der Blick auf die Baumrinde frei ist. Der Dreibock fügt sich harmonischer in das Landschaftsbild ein und wirkt nicht so „martialisch-abweisend“ wie das Korsett.

4. Forschungsbedarf Trotz umfangreicher Praxiserfahrungen mit Systemen wie Dreibock und Normannischem Korsett besteht ein erheblicher wissenschaftlicher Klärungsbedarf. Der aktuelle Kenntnisstand ist überwiegend durch Einzelfallbeobachtungen und Erfahrungswissen geprägt, während systematische, vergleichende Studien weitgehend fehlen. Für eine belastbare Bewertung und Weiterentwicklung der Systeme sind folgende Forschungsfelder von Bedeutung:

Vergleichende Wirksamkeitsanalysen Es fehlt an standardisierten, experimentellen Vergleichen zwischen unterschiedlichen Schutzsystemen. Offene Fragestellungen: • Überlebensraten und Wachstum (Höhe, Stammdurchmesser) in Abhängigkeit vom Schutzsystem • Einfluss auf die Zeit bis zur Beweidungsstabilität • Schadensraten durch unterschiedliche Tierarten

Interaktion mit Weidetieren (Verhaltensökologie) Die Wirkung von Schutzsystemen hängt wesentlich vom Verhalten der Weidetiere ab. Forschungsbedarf: • artspezifische Unterschiede (Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde) • Einfluss von Besatzdichte und Weidemanagement • Scheuer- und Verbissverhalten in Abhängigkeit von Konstruktion und Material Ohne diese Daten ist eine standortspezifische Systemwahl nur eingeschränkt möglich.

Langzeitstabilität und Materialökologie Zur Dauerhaftigkeit der eingesetzten Materialien liegen nur begrenzte Langzeitdaten vor. Zentrale Fragen: • tatsächliche Lebensdauer verschiedener Holzarten unter Praxisbedingungen • Einfluss von Bodenfeuchte, Mikroklima und mechanischer Belastung • Vergleich von Holz, Metall und hybriden Materialien Insbesondere für Robinie werden hohe Standzeiten angenommen, aber systematische Feldstudien fehlen.

Auswirkungen auf Bodenökologie und Kleinsäuger Schutzsysteme beeinflussen Mikrohabitate im direkten Umfeld des Baumes. Forschungsbedarf: • Einfluss auf Wühlmauspopulationen und Prädatorenzugänglichkeit • Effekte auf Bodenstruktur, Bodenleben und Nährstoffdynamik • Wechselwirkungen zwischen Vegetationsentwicklung und Schutzsystemdesign

Einfluss auf Baumarchitektur und physiologische Entwicklung Die mechanischen und räumlichen Bedingungen innerhalb der Schutzsysteme beeinflussen die Baumentwicklung. Offene Fragen: • Wirkung von Bewegungseinschränkung auf Stammdickenwachstum • Einfluss auf Kronenansatz und Aststruktur • Mikroklimatische Effekte (Licht, Luftfeuchte, Temperatur)

Ökonomische Bewertung (Lebenszykluskosten) Eine systematische ökonomische Analyse fehlt weitgehend. Erforderlich sind: • Investitions- und Wartungskosten über den gesamten Nutzungszeitraum • Vergleich temporärer vs. dauerhafter Systeme • Kosten pro etablierten Baum (inkl. Ausfallrisiko) Ohne diese Daten ist eine betriebswirtschaftlich fundierte Entscheidung nicht möglich.

Integration in Agroforst- und Klimaanpassungsstrategien Baumschutzsysteme sind Teil größerer Nutzungssysteme. Forschungsbedarf: • Rolle bei der Skalierung von Agroforstsystemen • Beitrag zur Klimaanpassung (Trockenstress, Extremwetter) • Integration in Förderprogramme und Kompensationsmaßnahmen

5. Fazit Der Forschungsstand zu Baumschutzsystemen in beweideten Streuobstsystemen ist fragmentarisch und stark praxisgetrieben. Insbesondere fehlen: • belastbare Vergleichsdaten • Langzeitstudien • ökonomische Analysen Die Systeme sind praktisch erprobt, aber wissenschaftlich nicht ausreichend validiert.


Literatur Lochschmidt, Thomas (2018/2025): Dreibock für Weideflächen – eine Anleitung. Überarbeitete unveröffentlichte Fassung, 2025. https://www.obstbaumschnittschule.de/produkt/normannische-korsette/